"Bitte nicht missionieren!"

Dr. Anne Katrin Matyssek

Wer selbst erlebt hat, wie wichtig Gesundheit ist (oder wie wirksam bestimmte Verhaltensweisen), neigt zum Missionieren - aber niemand möchte missioniert werden. Wie also können Sie sich und andere zu mehr Gesundheit verführen?

Neigen Sie zum Missionieren? Oder sind Sie eher eine Art Expeditionsleiter/in?

Wie Sie selbst aktiv werden, um Menschen im Betrieb für Gesundheit zu gewinnen

Ein Spruch von Galileo Galilei hängt in sehr vielen Büros von Personalentwicklern an der Pinnwand: „Man kann einen Menschen nichts lehren; man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“ In Büros von Gesundheitsmanagern und -beauftragten hingegen findet man diesen Spruch nicht so häufig, ist mir aufgefallen. Vielleicht wird’s Zeit dafür …

Das Tragische daran: Es sind meistens gerade die besonders motivierten Akteure, die zum Missionieren neigen. Sie wissen, was für ihre Kolleginnen und Kollegen gut ist; und sie wollen dieses Wissen an den Mann oder die Frau bringen. Selbstlos. Mit sehr viel Engagement. Sie stehen zweifelsfrei auf der Seite der Guten. Aber sie laufen Gefahr, auszubrennen.

Menschen wollen weder Drohungen noch Ermahnungen noch Strebervorbilder

Schon Kinder lassen sich nur ungern durch ein „Mach’ das doch auch mal so wie die Sophia!“ motivieren. Die erste Reaktion ist nicht Bewunderung für Sophia sondern eine Ablehnung der anderen als „Streber-Kuh“. Wenn ein Kind jemanden imitieren möchte, tut es das schon von allein. Imitationslernen ist ja geradezu eine klassische Lernform.

Auch Abschreckungen allein bewirken kaum etwas, sie schrecken ab. Das weiß sogar die Werbeindustrie, seit eine Zahnpasta-Werbung floppte, die mit ausgefallenen Zähnen „warb“. Man weiß inzwischen auch, dass drastische Fotos von Raucherlungen nicht geeignet sind, um Menschen das Rauchen abzugewöhnen (höchstens um zu verhindern, dass sie überhaupt damit beginnen). Wirksamer als Drohungen sind Kontrollüberzeu­gungen, und zwar insbesondere die sogenannte Selbstwirksamkeitserwartung.*

* Falls Sie sich für das Thema „Furchtappellforschung“ interessieren: Schauen Sie doch mal auf der Website der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung www.bzga.de nach der Expertise (kostenlos) mit dem Titel „Prävention durch Angst? Stand der Furchtappellforschung“. Sie stammt zwar aus dem Jahr 1998, aber an den grundlegenden Aussagen über psychische Prozesse der Risikoverarbeitung dürfte sich nicht viel geändert haben.

Die Menschen müssen selber wollen.

Der Mensch muss davon überzeugt sein, dass es ihm gelingen kann, gesund zu leben, und dass er die dafür nötigen Hilfsmittel und Handlungskompetenzen hat, und dass er sogar unter widrigen Umständen an seinem Ziel festhalten kann. Und er muss daran glauben, dass Ziel den Einsatz lohnt.

Idealerweise findet der Mensch das Ziel attraktiv. Die Aussage „Sport ist gut fürs Selbstbewusstsein“ zum Beispiel ist laut einer Studie ein guter Antreiber für die Ausübung von Sport. Ich kann mir vorstellen, dass im Zuge des demographischen Wandels auch Aussagen wie „Auch morgen noch fit sein“ an Anreizkraft gewinnen werden.

Beim Missionar machen Menschen dicht

Das können Sie ruhig wörtlich nehmen. Wenn man mal vom Mittelalter mitsamt der Inquisition und den Kreuzzügen absieht, waren Kirchen immer dann besonders erfolgreich im Gewinnen neuer Mitglieder, wenn sie zunächst nutzenstiftend und als Vorbilder aktiv waren. Ihre guten Taten waren überzeugender als es jede Drohrede über die Hölle hätte sein können.

Das Erfolgsrezept guter Missionare: Anstecken mit guten Taten.

Wichtigster Tipp: Vermeiden Sie alles, was Reaktanz wecken könnte! Reaktanz meint so etwas wie eine trotzige Gegenreaktion. Versuchen Sie lieber, andere zu „verführen“ 😉

 

Tipps, um andere zu mehr Gesundheit zu verführen:

  • Kleine Schwächen zugeben können – das macht sympathisch.
  • Vorbild sein und von den positiven Effekten des Gesundheitsverhaltens erzählen – aber ohne (!!!) den Satz „Vielleicht wär’ das auch was für dich!“
  • Versuchen Sie, sich nicht als Gesundheitsapostel zu positionieren.
  • Zeigen Sie Verständnis auch für die Schwächen anderer!
  • Stellen Sie nie den Menschen in die Schmuddelecke (Raucher), sondern höchstens das Verhalten (Rauchen).
  • Spenden Sie positives Feedback für den Einsatz, nicht nur fürs Ergebnis: „Da haben Sie sich aber Mühe gegeben – und das, wo es so schwierig war!“
  • Denken Sie an den weiten Gesundheitsbegriff, den die WHO seit den 40ern pflegt: Gesundheit ist viel mehr als nur das Funktionieren des Körpers. Jemand ist vielleicht dick oder raucht, hat aber mehr Muskeln oder ein stabileres soziales Netz als der asketische Marathonläufer – beide(s) kann man wertschätzen.

Sich selbst zu gesund(heitsgerecht)em Verhalten motivieren:

  • Fragen Sie sich 1x pro Quartal: Wie wollen Sie alt werden?
  • Was wäre ein hundertstel Mini-Schritt, um dieses Zie zu erreichen?
  • Wie würden Sie es formulieren, wenn Sie anderen stolz antworten auf die Frage: „Herr / Frau XY, wie haben Sie das nur geschafft, heute noch so …. zu sein?“

Wie Sie andere zu gesund(heitsgerecht)em Verhalten motivieren:

  • Fragen Sie den Menschen vor sich: „Wie wollen Sie alt werden?“
  • Signalisieren Sie: „Wir brauchen Sie hier! Und zwar am besten fit!“
  • Machen Sie deutlich: „Sie haben etwas davon, sich gesund zu verhalten“ (zeigen Sie den Nutzen auf, aber am besten bescheiden, indem Sie von sich erzählen!)
  • Vermitteln Sie: „Sie sind es sich bestimmt wert, gut auf sich selbst achtzugeben!“

 

Lesetipps:

Führung und Gesundheit. Ein praktischer Ratgeber zur Förderung der psychosozia­len Gesundheit im Betrieb. (22,90 € in D)

Wertschätzung im Betrieb. Impulse für eine gesündere Unternehmenskultur