Echte Anwesenheit ist mehr als körperliches Vorhandensein im Betrieb.

Dr. Anne Katrin Matyssek

Im letzten Blog-Beitrag konnten Sie lesen: Fehlzeiten zwar angeblich überall ein „Riesenthema“. Aber andererseits spricht man nur auf höchst seltsame Art darüber. Nämlich zum Beispiel überwiegend über die Quote – also „körperliches Vorhandensein“ im Unternehmen. Aber:

Echte Anwesenheit ist mehr als körperliches Vorhandensein im Betrieb.

Betriebswirtschaftlich betrachtet besagt die Quote nicht viel. Sie ist lediglich ein Spät-Indikator für Dinge, die im Vorfeld gut oder schief gelaufen sind. Sie zeigt, wo es brennt.

Ich weiß schon, dass Sie vermutlich eigentlich von jetzt auf gleich die Fehlzeiten senken sollen. Das kann man wunderbar schnell messen, und vielleicht will Ihre Leitung rasche Erfolge sehen. Nehmen Sie es ihr nicht übel: Sie meint es ja gut. Sie will, dass Ihr Unternehmen produktiv ist.

Aber sicher stimmen Sie mir zu:

„Eine niedrige Fehlzeiten-Quote ist kein Garant für eine hohe Produktivität.“
(A.K. Matyssek)

Oder – mit Professor Badura ausgedrückt:

„Fetisch Fehlzeiten-Quote“

Es hat seine Gründe, dass die Fehlzeiten-Quote so gefragt ist. Sie ist so leicht messbar und gibt den Handelnden das gute Gefühl, etwas getan zu haben und dieses unangenehme Thema unter Kontrolle zu haben. Das ist aber nur eine Schein-Kontrolle.

Zum Thema Fetisch Fehlzeiten-Quote habe ich mich an anderer Stelle ausführlich ausgelassen und möchte Ihnen hier einfach diesen Link empfehlen:

http://www.changex.de/Article/essay_matyssek_fetisch_fehlzeitenquote/xxXMhakUoqojtu6LQjvklymD5dIHWO

Er führt zur Website ChangeX, die mir freundlicherweise erlaubt hat, diesen Beitrag hier für Sie gratis zu verlinken. Danke dafür! Übrigens kann ich die Beiträge von ChangeX wirklich empfehlen, wenn Sie an spannenden Blickwinkeln auf die sich verändernde Welt interessiert sind. Ich bin selbst Abonnentin.

2 Mythen: „Wer nicht da ist, ist krank“ und „Wer da ist, ist gesund“

Wer nicht da ist (auch nicht im HomeOffice o.ä.), arbeitet nicht. Dieser Mensch erbringt 0% Leistung. Das ist unstrittig. Aber das heißt nicht,

  • dass, wer da ist, automatisch fit ist (vielleicht ist er faktisch arbeitsunfähig)
  • dass, wer da ist, automatisch einen guten Job macht (vielleicht macht er nur Pausen)
  • dass, wer nicht da ist, automatisch krank ist (vielleicht ist er faktisch arbeitsfähig)

Die Grafik zeigt diesen typisch unsystemischen Denkfehler, der durch unser derzeitige Krankschreibesystem unterstützt wird: Unser Gesundheitssystem bzw. die Krankenversicherungen kennen nur „Voll-Krankschreibung“ (statt Teilzeit-Krankschreibung, die aber nur eine Frage der Zeit ist, da bin ich sicher). Und für unsere Arbeitswelt haben wir diese Denke übernommen. Nämlich:

„Die ist da, also ist die gesund und arbeitsfähig und arbeitswillig.“
„Die ist nicht da, also ist die krank und arbeitsunfähig (oder aber arbeitswillig).“

Krankheit ist nicht automatisch AU. Und AU ist nicht automatisch Abwesenheit.

Dummerweise ist Arbeits(un)fähigkeit aber in unserem Sprachraum dichotom konzipiert: Als gäbe es nur zwei Ausprägungen. Gesund oder krank. Dass das Unsinn ist, wissen wir alle. Weil „gesund“ und „krank“ eben nur die Enden einer Skala sind.

Die betriebswirtschaftlich relevante Reserve liegt genau dazwischen!

Genau dieser „Graubereich“ zwischen gesund und krank bietet Ansatzmöglichkeiten zur Förderung der Gesundheit. Arbeiten bei Erkrankung – zum Beispiel bei einer leichten Depression – ist nicht grundsätzlich falsch (unter Umständen sogar gesundheitsfördernd); Daheimbleiben bei leichten Beschwerden übrigens auch nicht unbedingt; es gibt sogar Belege, dass sich längere Ausfallzeiten dadurch verhindern lassen.

Wer nur zu 10% gesundheitlich eingeschränkt ist, kann durchaus zu 90% arbeitsfähig sein. Mit der dichotomen Denke stehen sich viele Führungskräfte (und erschreckend viele Personaler/innen) selbst im Weg, ist mir aufgefallen. Die bekommen für diese Sichtweise regelmäßig die Quittung, weil die Mitarbeitenden genauso „ganz oder gar nicht“ denken und sich bei einer Warzenentfernung am kleinen Finger für 2 Wochen krankschreiben lassen. Natürlich kann dieses Verhalten auch andere Ursachen haben, aber dieser Fall ist schon vorgekommen.

Kleine Anmerkung:

Zu solchen Entwicklungen kommt es auch, weil überängstliche Führungskräfte tatsächlich laut sagen: „Kommen Sie bloß erst wieder, wenn Sie zu 100% fit sind und wenn Ihr gelber Schein (die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung) abgelaufen ist. Wenn Ihnen was passiert, bekomme ich sonst Riesenärger mit der Berufsgenossenschaft, weil der Versicherungsschutz fehlt.“ Sehr weit verbreitet, auch dieses Unwissen, dass der gelbe Schein lediglich eine Prognose beinhaltet und der Versicherungsschutz sehr wohl gewährleistet ist.

Mitarbeitende brauchen die Erlaubnis, gegebenenfalls auch mit 80% Leistungsfähigkeit im Betrieb erscheinen zu dürfen. Nebenbei bemerkt: Waren Sie im letzten Jahr an allen 200 Arbeitstagen stets zu 100% fit? Vermutlich nicht. Niemand schafft das. Aber ohne explizite „Komm-Erlaubnis“ kann es zu Fehlentwicklungen kommen, wie in dieser Grafik dargestellt:

Das ist natürlich nur ein Beispiel für die „Reserve“. Allgemeiner gesagt: Jeder Mensch hat zu jedem Zeitpunkt auch gesunde Anteile, die kann man fördern. Also weg von der Gesund-versus-Krank-Denke hin zu „mehr-oder-weniger-arbeitsfähig-und-anwesend“.

 

Was Sie bzw. Ihr Unternehmen brauchen, ist echte Anwesenheit

Was ist das nun: echte Anwesenheit? Gibt es auch falsche? Naja, wie Sie an dem Bild zu diesem Blog-Beitrag sehen können, kann man durchaus anwesend sein und dabei gesund sein – und trotzdem nichts leisten: extrem lange Schwätzchen, Raucher*innen-Pausen oder Fremdsurfen sind nur einige der Möglichkeiten, den Arbeitgeber um Leistung zu prellen:

Und natürlich kann man sich auch krank zur Arbeit schleppen (was übrigens viel weiter verbreitet ist als das Gegenteil). Glauben Sie nicht? Hier sind zwei Folien zur Gegenüberstellung von Absentismus und Präsentismus als Beweis 😉 (Und dann höre ich aber auch auf, Sie mit Abbildungen zu überschütten …):

Beides nützt uns nichts. Was wir brauchen, sind Mitarbeitende, die zumindest einigermaßen arbeitsfähig und gesund sind, die gern zur Arbeit kommen und sich hier richtig einbringen. Zum Beispiel, weil sie sich im Kolleg*innen-Kreis wohlfühlen und ihre Arbeit als sinnvoll erleben.

 

Echte Anwesenheit statt Undercover-Fehlzeiten – denn Gesundheit ist mehr …

… als einwandfreies Funktionieren des Körpers. Die immer Uralt-WHO-Definition von Gesundheit beschreibt zwar eine Utopie, leistet uns aber heute noch große Dienste, wenn es darum geht, Menschen in Unternehmen genau davon zu überzeugen, dass der Körper nicht alles ist.  

[entnommen aus dem Heft:
„Uns soll es gut gehen! – Gemeinsam das BGM voranbringen“]

 

Wenn man Gesundheit aufs Körperliche beschränkt, sieht man die „geheimen“ Undercover-Fehlzeiten nicht. Man geht nicht ins Gespräch. Mobbing als mögliche Fehlzeiten-Ursache bleibt unentdeckt. Klagen über Stress werden nicht geäußert. Man ist quasi im Geheimen mental abwesend bei körperlicher Anwesenheit.

Mein Kollege Alex Stöckli bringt das auf den Punkt:

Worauf wir als Unternehmen hauptsächlich Einfluss haben, ist nicht die physische sondern die psychische Gesundheit – das Wohlbefinden und Glücklichsein bei der Arbeit.

Und ich würde sogar noch weiter differenzieren und behaupte: Den größten Ansatzpunkt haben wir bei der sozialen Gesundheit. Also bei der Frage, wie wohl sich Beschäftigte im Betrieb fühlen. Mit der Führungskraft und mit den Kolleginnen und Kollegen.

Dass hier auch besonderes „Motivationspotenzial“ liegt, schauen wir uns in den nächsten Blog-Beitragen genauer an, wenn es um Vertrauen und Bindung geht. Aber jetzt ist schon klar:

Wer sich nicht gebunden fühlt, wird eher zu Undercover-Fehlzeiten tendieren …

als jemand, der sich zwischenmenschlich gut eingebunden fühlt. Er wird sich also nicht so gut einbringen. In der Fehlzeiten-Uhr, die ja zugleich das Symbol der Fehlzeiten-Kampagne ist, sind solche Menschen „kleine Blaue“.

Sie sind also anwesend (anders als die Orange-Farbenen), können oder wollen aber (noch) nicht ihr gesamtes Potenzial abrufen. Das ist schade fürs Unternehmen.

Wir wollen in den nächsten Wochen gemeinsam schauen (und in der Power-Woche ganz besonders), wie wir den blau(grau)en Weg im Bild hier unten mit Leben füllen können.



Mikro-Impulse für echte Anwesenheit: In der Power-Woche vom 02. Bis 06.09.2019

https://www.do-care.de/fehlzeiten-kampagne

Fehlzeiten senken, aber anders – eben durch Steigerung der echten Anwesenheit. Dazu dient die Power-Woche von „do care!®“ : Eine 5-tägige Online-Veranstaltung (gratis), die durch mehrere Blog-Beiträge zum Thema vorbereitet wird. Das wird Ihre Fehlzeiten-Kampagne 2019. Hier können Sie sich zur Power-Woche anmelden:


Anwesenheit ist nicht gleich Anwesenheit. Und Fehlzeiten haben verschiedene Ursachen.

Welche Ursachen das sein können, und warum es mit der Suche nach Schuldigen und reiner Symptom-Behandlung nicht getan ist, wird das Thema im nächsten Blog-Beitrag. Das ist für Sie wichtig zu wissen, denn je nach Ursache gehen Sie ja unterschiedlich vor.

Also bis bald!

Und ich freue mich weiterhin sehr, wenn Sie den Link weiterleiten an alle, die ein Interesse an einer gesünderen Unternehmenskultur haben.

https://www.do-care.de/fehlzeiten-kampagne

Sonnige Grüße,

Ihre Anne Katrin Matyssek