Wenn der Chef krank macht …

Krankmachendes Führungsverhalten ist weit verbreitet. Das Problem ist – nach meiner eigenen Erfahrung als Ex-Mitarbeiterin eines „Krankmacher-Chefs“ und als ehemals praktizierende Psychotherapeutin – nicht nur, dass sich jemand grenzüberschreitend verhält, sondern dass man selbst dadurch verunsichert wird und nicht so stark reagiert, wie man es eigentlich von sich gewohnt ist.

Wenn der Chef krank macht, fühlt man sich hilflos.

Dann helfen keine Pillen. Aber Maßnahmen zum Selbstschutz!

In dem folgenden Auszug des Buchs Wenn der Chef krank macht lesen Sie, was der Königsweg ist, wenn man das Pech hat, eine krankmachende Führungskraft zu haben: Verständnis. Auch wenn Ihnen dies zunächst absurd vorkommt! Aber letztlich zählt ja allein, dass man selbst gesund davon kommt und diese Zeit ohne seelische Verletzungen übersteht. Und dafür ist die Verständnis-Strategie Gold wert.

Grundsätzlich gilt: Suchen Sie das Gespräch, nicht die Konfrontation. Und ein Gespräch wird umso effektiver sein, je mehr Verständnis beide Seiten für einander aufbringen. Das verlangt – von Ihnen genau so wie von Ihrem Chef – sich ins Gegenüber hineinzuversetzen und außerdem: sich dem anderen verständlich zu machen! Nach meiner Erfahrung liest sich das selbstverständlicher, als es in der Praxis ist.

Es ist in Betrieben nicht weit verbreitet, zu sagen, was einen stört.

Häufig wird davon ausge­gangen „wenn ich eine Schnute ziehe, dann sieht der schon, dass ich gekränkt bin“ oder „das muss der doch von alleine wissen, dass ich nicht juble, wenn der mir so eine stupide Auf­gabe gibt“. Aber gesagt wird es nicht (übrigens in privaten Partner­schaf­ten auch nicht). So einfach ist es aber nicht: Man muss gegenseitiges Verständnis aktiv schaffen, indem man Dinge anspricht (statt nur zeigt).

Chefs sind nicht von Natur aus bösartig.

Die meisten, die bösartig wirken, sind einfach nur unsicher.

Wenn Sie Verständnis aufbringen, stärken Sie damit sich selbst

Das beginnt beim Verständnis dafür, dass Ihre Führungskraft vielleicht auch eine arme Socke ist – eine arme Sandwich-Führungskraft (sofern es sich nicht um ein Familienunternehmen handelt, aber dann gibt es viel­leicht einen übermächtigen Patriarchen im Hintergrund), die von oben und von unten Druck bekommt, in ihrer Rolle unsicher ist und es nie allen Recht machen kann. Mitleid empfinden ist eine clevere Strategie, die mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt: Die eigene Wut verraucht, und gegenüber der bemitleideten Person fühlt man sich überlegen.

Im deutschen Sprachraum ist derzeit sehr die sogenannte Gewaltfreie Kommuni­ka­­tion nach Marshall Rosenberg im Kommen, auch für Betriebe. Der Ausdruck ist ein bisschen abschreckend oder irritierend, aber der Ansatz, den der bekannte Konfliktmediator propagiert, ist höchst nützlich, auch für unser Thema. Für die betriebliche Praxis finde ich persönlich diesen Ansatz sehr anspruchsvoll in der Umsetzung, aber die Theorie zu kennen, das lohnt sich. Die sogenannte GfK geht von einem 4-Schritt-Schema aus, mit dem man Konflikte ideal lösen kann:

  1. Beobachtung
  2. Gefühl
  3. Bedürnfis
  4. Bitte

Verständnis und Offenheit in der Praxis: keine Vorwürfe, sondern Wünsche

Als ein Beispiel können wir uns vorstellen: Jemand hat viel Mühe auf die Vorbereitung einer Präsentation verwendet. Während der Präsentation telefoniert der Chef, er zieht die Augenbrauen hoch und verlässt nach der letzten Folie den Raum, ohne ein Wort zu sagen. Der Mitarbeiter bleibt feedback- und orientierungslos zurück. Er ist verwirrt und weiß nicht, woran er ist. In Reinform der Gewaltfreien Kommunikation könnte er ent­sprechend dem 4-Schritt-Schema unter vier Augen Folgendes sagen:

  1. Nach meiner Prästentation gestern sind Sie wortlos weggegangen.
  2. Ich bin frustriert, weil ich Feedback und Orientierung brauche.
  3. Ich brauche Feedback, weil ich mich dadurch sicherer fühle.
  4. Bitte geben Sie mir nach der nächsten Präsentation ein Feedback.

In dieser Reinform kommt einem das Vorgehen vielleicht etwas künst­lich vor (finde ich auch). Und es ist auch ungewöhnlich, im Betrieb über seine Bedürfnisse zu sprechen – diese Offenheit heben wir uns norma­lerweise fürs Privatleben auf, wenn überhaupt. Aber ich denke, Sie sehen, es ist in jedem Fall ein Weg, um Verständnis zwischen beiden Ge­sprächs­­parteien herzustellen, den anderen nicht anzugreifen und einen (! nicht 3) kon­kreten Änderungswunsch ohne Vorwürfe zu formulieren.

Offenheit wirkt oft entwaffnend. Aber in Betrieben ist sie bislang kaum verbreitet.

Den Krankmacher-Chef mental klein machen

Erfahren Sie, wie Sie Ihre krankmachende Führungskraft mental klein machen können: “Ihn klein machen – aber Rache macht sauer.

Den Chef gedanklich klein machen, kann ebenfalls helfen, sich selbst größer und stärker zu fühlen. Rachegedanken hingegen tun selten gut, weil sie viel Energie (Ihre!) verbrauchen und destruktiv sind. Achten Sie bei dieser Mentaltechnik also unbedingt darauf, dass nicht Rachegefühle sondern positive Emotionen und Gedanken überwiegen, wie z. B. Mitleid:

  • „hat der eine krasse Kindheit gehabt, dass der SO geworden ist …“
  • „arme Socke, hat auch viel Stress“
  • „ich hab ja auch manchmal schlechte Laune“
  • „vielleicht geht seine Frau gerade fremd“
  • „der ist bestimmt unterzuckert, so aggressiv wie der ist“
  • „ich möchte auch kein Chef sein – der ist ja total verunsichert“
  • „ich ruhe zum Glück ich in mir selbst“

Manche Menschen berichten, dass ihnen Voodoo-Rituale geholfen hätten, die eigenen Wutgefühle besser in den Griff zu bekommen. Sie hätten beispielsweise eine Puppe gebastelt, die der verhassten Füh­rungs­kraft ähnlich sah, und diese mit Nadeln durchbohrt. Oder sie hätten ein Foto ihres Chefs beim Dartspielen attackiert. Vielleicht ist das eine Frage der inneren Einstellung. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das Selbstwertgefühl dadurch gestärkt wird. Oder dass man sich im Arbeitsalltag gefestigt fühlt, sobald der Chef live vor einem steht. Falls es bei Ihnen anders ist und Sie sich danach weniger hilflos fühlen, dann kann das vielleicht ein Weg sein. Aber es darf nicht der einzige sein. Sie brauchen immer auch Strategien auf der Handlungsebene im Kontakt.”

Weitere mentale Tricks, wenn der Chef krank macht

Üben Sie, wie Sie Ihre Gedanken in den Griff bekommen, falls Ihr Chef zu den krankmachenden Führungskräften gehört.  Krankmachendes Führungsverhalten geht nicht spurlos an uns vorüber. Gemeinerweise reduziert es unser Selbstwertgefühl. Und es okkupiert unsere Gedanken. Wenn uns jemand klein macht, fühlen wir uns klein. Und die selbstwertreduzierenden Gedanken verfolgen uns bis in die Frei­zeit. Das ist gemein. Wer gerade eh ein dünnes Fell hat, weil viel­leicht der letzte Urlaub schon lange her ist, der stürzt vielleicht in ein tiefes Loch.

Das sollte Ihnen nicht passieren.

Rüsten Sie sich schon präventiv, indem Sie Ihren Kopf täglich mit Einstellungen versorgen (z.B. auf kleine bunte Zettel geschrieben), die Sie stärken. Idealerweise schrei­ben Sie sie auf eine stabile Karte, die Sie als Mutmacher in der Hosentasche mit sich herumtragen. Es gibt noch viele weitere Sätze, die Sie innerlich stärken können, zum Beispiel:

  • „ich bin gut, und ich weiß, was ich kann“
  • „ich werde damit fertig“
  • „Verletzungen machen mich stärker als vorher“
  • „aus jeder Erfahrung kann ich etwas lernen“
  • „wahre Stärke heißt: Schwächen / Fehler zugeben können“
  • „Gott hat mich genau so gewollt, wie ich bin; ich bin einmalig“
  • „ich allein bin dafür verantwortlich, wie ich mich fühle“
  • „täglich sag’ ich Ja zu mir“

Je öfter Sie diese Sätze lesen und verinnerlichen, desto leichter kommen sie „automatisch“ in Ihren Kopf. Aber bitte Geduld haben! Sie sind der Boss in Ihrem Kopf. Dass die Gedanken auch ein Eigenleben haben, ist normal. Aber dass sie ständig abschweifen in Gebiete, die in dem Moment für Sie unwichtig sind, das dürfen Sie sich nicht gefallen lassen. Bildlich gesprochen: Lassen Sie nicht zu, dass Ihre Gedanken mit Ihnen Molli machen. Das klingt ein bisschen komisch: Die Gedanken diszi­pl­inie­ren.

Werden Sie der Boss über Ihre Gedanken!

Die meisten Menschen denken, ihre Ge­dan­ken wären von allein in ihrem Kopf, sie hätten ein unbeein­flussbares Eigenleben. Zum Glück stimmt das nicht. Sonst hätten wir unseren Schulabschluss nicht geschafft: Wir können uns durchaus konzentrieren – manche besser, andere schlechter. Wem es schwer fällt, die Gedanken bei der Stange zu halten, der sollte unbedingt ein Entspannungstraining er­ler­nen. Da lernt man quasi nebenbei, sich besser zu konzentrieren. Die Gedanken werden gezielt auf einzelne Körperregionen gerichtet. Anfangs schweifen sie noch ab, aber das wird besser! Also schon wieder ein Argument für Entspannungstrainings …

Selbst wenn Sie sich noch so fest vornehmen: „Nach Feierabend denke ich nicht mehr an den Chef“, werden Gedanken an ihn sich trotzdem ein­schlei­chen. Ein Grund liegt darin, dass Sie Ihren Vorsatz negativ formu­liert haben („denke ich nicht“). Ihre Psyche kennt aber keine Ver­neinungen („Denken Sie jetzt nicht an eine grüne Maus“), daher sollten Sie Ihren Vorsatz positiv formulieren: „Nach Feierabend denke ich an den nächsten Urlaub, den letzten Kinofilm, meine glückliche Kindheit“.

Absurd, aber wirksam: Die STOPP-Technik

Und Sie sollten die STOPP-Technik üben. Sie klingt ein bisschen meschugge, hilft aber gut, um unliebsame Gedanken beiseite zu schie­ben. Besorgen Sie sich ein Gummiband und legen Sie es ums linke Handgelenk. Jedesmal, wenn ein destruktiver Gedanke sich in Ihren Kopf schleicht, fitschen Sie einmal das Gummiband gegen das Handgelenk und denken STOPP. Was passiert? Abgesehen davon, dass andere Sie vielleicht blöd angucken: Sie sind abgelenkt. Sie konzentrieren sich auf den Schmerz oder darauf, dass Sie sich gerade zum Deppen machen (falls Ihnen letzteres extrem zuwider ist, dann pressen Sie einfach die Fingernägel gegen den Handballen o.ä.).

So kapiert Ihre Psyche:

Dieser Gedanke war jetzt gerade nicht will­kommen. Richtig gut funktionieren kann diese Technik, wenn Sie sie kon­se­quent immer wieder einsetzen. Und wenn Sie an­de­rer­seits be­stimm­te Zeiträume einrichten (z.B. 15’ nach dem Heim­kommen), während derer Sie sich bewusst erlauben, an Ihren Chef zu denken.”

 
 
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