Gesund führen – bei sich beginnen

In diesem Auszug aus dem eBook "Gesund führen - Bei sich selbst beginnen" geht es um Ihre Vorbildfunktion und um die Frage, wie es Ihnen gelingt, im Arbeitsalltag gut auf sich zu achten.

1. Warum Sie bei sich beginnen sollten

„Schlecht behandelt?! Sie sollten erst mal sehen, wie ich mit mir selbst umgehe!“

brüllt der Chef seine Mitarbeiterin an (in einem Cartoon von Thomas Plaßmann) – damit ist treffsicher beschrieben, was man bei vielen Führungskräften beobachten kann: dass sie ihre eigene Gesundheit vernachlässigen und sich in der Folge auch schwer tun, ihre Mitarbeitenden gesund zu führen.

Ihnen soll es anders gehen! Als Führungskraft sind Sie Vorbild. Und Sie können auch Ihr Team nur dann gesund führen, wenn es Ihnen einigermaßen gut geht. Wer selbst hektisch ist, gestresst, kopfschmerz-geplagt, schlafgestört, muskel-verspannt – der ist mit seiner Aufmerksamkeit bei sich selbst; der sieht nicht, dass zum Beispiel ein Mitarbeiter plötzlich ungewohnterweise einen roten Kopf hat, weshalb er ihn kurz ansprechen sollte. Das soll kein Vorwurf sein, sondern liegt leider in der Natur der Sache.

Und es ist immer schwieriger geworden …

… angesichts der zunehmenden Arbeitsverdichtung gesund zu bleiben – körperlich, aber auch seelisch. Fast jeder zweite EU-Bürger leidet einmal im Leben an einer psychischen Erkrankung. Psychische Erkrankungen sind inzwischen die häufigste Ursache, wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheidet. Stress im Job gilt dabei als wichtiger Risikofaktor.

Wer den gestiegenen Anforderungen im Job gewachsen sein will, braucht neben einem fitten Körper auch eine starke Psyche. Die lässt sich trainieren, genau wie der Körper – ein Gedanke, der allerdings vielen noch fremd ist. Angesichts der veränderten Arbeitswelt wird es höchste Zeit, dass wir begreifen, wie wir unsere seelische Gesundheit stärken können.

Das ist kein Garant für psychische Gesundheit,
aber eine kostenlose und sinnvolle Präventionsmaßnahme.

Der Düsseldorfer Medizinsoziologe Professor Johannes Siegrist (ChangeX-Newsletter vom 05.05.09) beschreibt in seiner Schrift „Der Homo oeconomicus bekommt Konkurrenz“: Arbeitsbedingungen, die unter der Maxime der Nutzenmaximierung gestaltet werden, machen krank – und zwar systematisch und nicht nur diejenigen, denen man mangelhaftes Selbstmanagement vorwerfen könnte. Und wenn ein Drittel der Deutschen in einer Befragung (Studie des IT-Branchenverbands Bitcom, im April 2013) angeben, rund um die Uhr für den Arbeitgeber erreichbar zu sein, sind die nicht einfach alle arbeitswütig oder blöd. Es sind die Arbeitsbedingungen, die sie dazu treiben.

Burnout als Orden

Die Erschöpfungsdepression als Folge von Dauerstress – „Burnout“ würden es viele nennen – ist auf dem besten Wege, salonfähig zu werden wie früher der Herzinfarkt: Sie wird quasi als Aus­zeichnung für besonders engagierten Arbeitseinsatz verstanden. Doping am Arbeitsplatz greift um sich. Männer schlucken Pillen, um sich aufzuputschen und noch mehr Leistung zu erbringen. Frauen schlucken Pillen, um sich runterzuholen, zu beruhigen und dadurch ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern. Fünf Prozent aller 20- bis 50jährigen Erwerbstätigen putschen sich laut DAK-Gesundheitsreport 2009 mit leistungssteigernden Mitteln auf.

Soziale Unterstützung, die als Belastungspuffer dienen könnte, wird weniger. Die Entsolidarisierung in der Arbeitswelt schreitet weiter voran. Statt sich gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen, kämpft jeder für sich. Zielvereinbarungssysteme tragen dazu ebenso bei wie die Zunahme befristeter Arbeitsverhältnisse. Die Zeitarbeiter sind neidisch auf die Festangestellten und erwarten von diesen – meist ohne es zu artikulieren – einen Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen. Von diesen Erwartungen fühlen sich die meisten Festangestellten überfordert. Man kontrolliert sich gegenseitig dahingehend, dass der andere auch ja nicht zu wenig arbeitet. Eine Solidarisierung wird durch solche Mechanismen weiter erschwert – häufig im Sinne des Arbeitgebers.

Brisanterweise kommt es oft gerade dann zu einer Entsolidarisierung, wenn zunächst fitte Kollegen versuchen, die reduzierten Leistungen der anderen – meist ohne es auszusprechen – zu kompensieren.

Wenn sie dann merken, dass sie damit das Leistungsgefüge nur vorübergehend stabilisieren konnten und ihre eigene Leistungsfähigkeit damit langfristig gefährdet haben, entsteht Ärger über die schwächeren Kollegen, und von Solidarität ist nichts mehr zu sehen.

Versuchen Sie bitte nicht, über einen längeren Zeitraum (sagen wir: zwei Wochen) die reduzierte Leistungsfähigkeit von Kolleginnen oder Kollegen durch eigene Mehrarbeit aufzufangen. Wenn Sie sich stark genug fühlen, dies über längere Zeit (maximal drei Monate, selbst wenn Sie sich noch so fit fühlen) durchzuhalten, sollten Sie eben dies mit Ihrer Führungskraft und den anderen im Team besprechen. Was gar nicht geht – vor dem Hintergrund von Selbstfürsorge –, ist monatelanges Kompensieren der Schwächen anderer. Das macht Sie vielleicht zum christlichen Helden, bringt Sie aber ganz schnell ins Grab.

Die meisten Menschen empfinden es als beschämend, nicht mithalten zu können

Daher behalten sie ihr Belastungserleben lieber für sich. Die Arbeit ist ein wichtiger Teil unserer Selbstdefinition. Aus ihr schöpfen wir einen großen Teil unseres Selbstwertgefühls. Und wenn sie wegfällt, fühlen wir uns wertlos. Wir müssen uns dann neu definieren. Deshalb haben wir Hemmungen, uns gegen unsere Arbeit (ein Zuviel davon) zu wehren. Manche verlassen sich auch darauf, dass der Arbeitgeber schon seiner Fürsorgepflicht nachkommen wird.

Falsch gedacht! Warten Sie nicht, bis Ihr Betrieb sich um Ihre Gesundheit kümmert und sagt:

„Stopp, jetzt hör mal langsam auf, du überforderst dich!“

– Es kann sein, dass Sie auf dieses Signal ewig warten müssen. Zumindest sollten Sie sich nicht darauf verlassen, dass Ihre Führungskraft so tickt, wie es in dieser eBook-Reihe empfohlen wird. Deshalb steht ein Kapitel dieses eBooks auch unter der Überschrift „Nein sagen“. Die Verantwortung für die eigene Gesundheit dürfen Sie nicht delegieren. Die liegt zunächst einmal bei Ihnen. Sie sollten es sich wert sein. Austausch mit Kollegen über dieses Thema stärkt Ihnen den Rücken.

Selbstfürsorge wird zur Schlüsselqualifikation der Zukunft

Männer müssen lernen, sich von der Illusion unbegrenzter Belastbarkeit zu verabschieden. Frauen müssen lernen, öfter und bestimmter „Nein“ zu sagen gegen Arbeitswünsche ihrer Umgebung. Wer diese grundlegende Fähigkeit zum Schutz der eigenen Gesundheit nicht schon zu Beginn seiner Berufstätigkeit ausbildet, wird irgendwann vor die Hunde gehen, denn die Zahl der fürsorglichen aufmerk­samen Führungskräfte ist rückläufig. Der Grund: Auch viele Führungskräfte verfügen nicht über diese Selbstfürsorgefähigkeit. Aber Sie ab jetzt …!

Fangen Sie also am besten gleich damit an. Die Verhaltenstherapie liefert einige Regeln, mit deren Hilfe jeder Mensch seine Psyche stärken kann. Neben dem richtigen Abschalten und dem natürlichen Rhythmus von Anspannung und Entspannung tut zum Beispiel Ordnung der Seele gut. Sie kennen den Effekt auf die Psyche, der sich nach einer ausgiebigen Reinigung der Wohnung einstellt.

Die Big 4: Bewegung, Erholung, Ernährung, Freundschaften

Bewegung wirkt zwar auf den ersten Blick nur auf den Körper, hat aber auch salutogene Effekte auf die Psyche. Es sind nicht nur die Endorphine, die manche bei längeren Läufen ausschütten, sondern wir alle sind zum Beispiel nach dem Joggen stolz, dass wir etwas geschafft haben. Ein Ziel in die Tat umsetzen, das macht uns Menschen glücklich. Es gibt uns das Gefühl, Herr im eigenen Leben zu sein. Einen ähnlichen Effekt erzielen Sie, wenn Sie Pläne fassen (schriftlich! im Kopf das reicht nicht) und Schritt für Schritt umsetzen. Wir denken dann, wir hätten das Leben im Griff und nicht umgekehrt.

Auch soziale Kontakte, die uns gut tun, stärken die Psyche. Sie fungieren zugleich als Haltgeber für Krisenzeiten. Gehen Sie dem Stress nicht aus dem Weg! Überwundener Stress macht uns fitter als vorher. Aber hegen und pflegen Sie alles, was für Sie ein Gegengewicht zum Stress bedeutet, wo Sie Ihren Akku wieder aufladen können. Definieren Sie sich nicht nur über die Arbeit! Das dient auch Ihrer Enttäuschungsprophylaxe. Netzwerke fangen Sie auf!

Alles, was Sie stärkt, sollten Sie häufiger tun.

Und alles, was Sie schwächt (zu viel TV, zu viel Alk, Pillen etc.) sollten Sie sein lassen. Besonders empfehlenswert für alle – aber insbesondere für die, die ein dickes Fell brauchen – ist das Erlernen eines Entspannungstrainings. Damit schlagen Sie viele Fliegen mit einer Klappe: Sie erholen sich; Sie bekommen Kontrollgefühle, denn Sie setzen einen Vorsatz (Plan) regelmäßig (Ritual) um; Sie lernen sich wieder zu konzentrieren, Ihr Blutdruck sinkt, und Sie gewinnen an Stärke.

Gut für sich zu sorgen – das sind Sie sich selbst, aber auch Ihren Mitarbeitenden schuldig.


2. Wie Sie Ihre Vorbildfunktion nutzen

Als Führungskraft hat man das „Ansehen“ im wahrsten Sinne des Wortes

Die Leute schauen in Ihr Gesicht. Sie wollen wissen, wie Ihre heutige Stimmung ist, ob Ärger droht oder alles im grünen Bereich ist – und eben auch, ob und wie (lange) Pause machen erlaubt ist. Oder ob sie besser durcharbeiten sollten. Ob Sie wollen oder nicht: Die Leute orientieren sich an Ihnen. In der Regel wird diese Vorbildfunktion von Führungskräften eher weit unter- als überschätzt.

Insbesondere in einem angenehmen Arbeitsklima dient die Führungskraft als Orientierungs-, wenn nicht gar als Identifikationsfigur. Sprich: Je lieber Ihre Leute für Sie arbeiten, desto sicherer können Sie sein, auch in solchen Belangen als „Vorbild“ herhalten zu müssen, die Sie selbst längst nicht zum Arbeitsleben dazu gezählt hätten (Kleidung, Frisur, Uhr, Hobbies). Das kann einen erschrecken – wer hält schon seine Mitarbeitenden für so leicht beeinflussbar – aber wenn Sie darum wissen, können Sie diesen Effekt auch nutzen.

Und beim Thema Gesundheit sollten Sie dies sogar explizit tun:
Es beginnt beim Wassertrinken während der Arbeitszeit und hört beim Besuch des Gesundheitstags noch lange nicht auf.

Verhalten Sie sich am besten so, dass Sie sich freuen können, wenn Ihre Team-Mitglieder sich an Ihnen orientieren. Sorgen Sie während des Arbeitstages gut für sich, indem Sie regelmäßig Pausen machen (dazu erfahren Sie gleich mehr), indem Sie für Frischluft und genügend Wasser während Meetings sorgen, indem Sie regelmäßig eine Mittagspause einlegen, die den Namen auch verdient, und indem Sie am Wochenende und im Urlaub nach Möglichkeit nicht arbeiten.

Gemeinsames Essen ist seit Urzeiten ein Mittel zum Aggressionsabbau …

Es macht Menschen geselliger, offener, fröhlicher, entspannter, wenn sie Essen teilen. Dieses Phänomen sollten Sie nutzen. Oft öffnen sich Mitarbeitende beim Mittagessen, werden mitteilsamer, auch über das Berufliche hinaus. Das ist gut für Sie, vor allem für Ihren Umgang mit Beschäftigten, die Ihnen nicht so sympathisch sind: Sie erfahren etwas über sie und finden sie vielleicht sympathischer als vorher. Selbst wenn Sie nur über banale Dinge wie die Kantine ins Gespräch kommen, ist die Atmosphäre nach der gemeinsamen Mittagspause gelöster.

Achten Sie auf Ihr Pausen-Verhalten – im Sinne Ihrer Gesundheit und im Sinne Ihrer Vorbildfunktion!

 

Wenn Sie diese Punkte beachten, haben Sie schon einen guten Schritt in Richtung gesundheitsgerechter Führung gemacht – und gut für sich selbst gesorgt. Die ersten 2 Kapitel des eBooks kennen Sie nun schon. Die restlichen Kapitel des eBooks haben die Überschriften:

 

  1. Warum Sie bei sich beginnen sollten
  2. Wie Sie Ihre Vorbildfunktion nutzen
  3. Wie Sie richtig Pause machen
  4. Warum Nein-Sagen dazu gehört
  5. Wie Sie richtig abschalten
  6. Wie Sie richtig schlafen
  7. Wie Sie gesund alt werden