Attestpflicht ab dem 1. Tag
DAS FEHLZEITEN-GLOSSAR
Klassisches
Fehlzeiten-Management
Im klassischen Fehlzeiten-Management wird die Attestpflicht ab dem 1. Tag oft als (Sanktions-)Instrument genutzt, um Fehlzeiten stärker zu kontrollieren.
Die zugrunde liegende Annahme lautet: Wer sofort ein Attest vorlegen muss, fehlt seltener oder überlegt genauer, ob eine Krankmeldung wirklich nötig ist.
Auf den ersten Blick wirkt das konsequent. In der Praxis ist diese Maßnahme jedoch heikel.
Denn eine generelle Attestpflicht sendet immer auch ein Signal des Misstrauens. Sie macht aus einer Krankmeldung schnell einen Vorgang, der beweispflichtig wirkt.
Das kann die Beziehung zwischen Unternehmen und Beschäftigten belasten – vor allem dann, wenn die Regel nicht als Ausnahme, sondern pauschal für ganze Bereiche ("nur für die Werkstatt") oder den gesamten Betrieb eingeführt wird.
Hinzu kommt: Der organisatorische Aufwand steigt. Menschen müssen früher in die Arztpraxis, Wartezeiten und Wege in Kauf nehmen und werden oft direkt länger krankgeschrieben, als es bei einem kurzen Ausfall vielleicht nötig gewesen wäre. Belastend ist außerdem die kulturelle Wirkung: Wer Fehlzeiten vor allem mit Kontrolle beantwortet, verstärkt leicht genau das Klima, das er eigentlich verbessern möchte.
Attestpflicht ab dem 1. Tag ist deshalb kein neutrales Verwaltungsinstrument.
Sie ist immer auch ein Zeichen dafür, wie viel Vertrauen ein Unternehmen seinen Beschäftigten entgegenbringt. Wenn man bedenkt, dass die Attestpflicht also immer ein Misstrauensbeweis ist, wird schnell klar:
Dieses Instrument kostet mehr als das es nützt.
Bei der Deutschen Bahn (hier) ermittelte man den Beweis für diese These:
"Die Deutsche Bahn etwa analysierte, wie sich das Krankheitsverhalten der Belegschaft verändert, wenn Mitarbeiter die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nicht gleich am ersten Krankheitstag vorlegen müssen. Anhand von Stichproben aus repräsentativen Gruppen wurde überprüft, wie es sich wissenschaftlich auswirkt, wenn die DB auf die Forderung, ab dem ersten Tag eine Krankmeldung vorlegen zu müssen, verzichtet. Das Ergebnis: Die Krankenquote verringerte sich und das Vertrauen der Belegschaft wuchs. Der Ansatz wurde auf das Unternehmen ausgerollt – es spart heute Geld wegen der reduzierten Krankenquote."
© Dr. Anne Katrin Matyssek
POSITIVES
Fehlzeiten-Management (POSFZM)
Das Positive Fehlzeiten-Management geht auch mit der Attestpflicht ziel-fördernder um. Konkret heißt das:
Die Attestpflicht ab dem 1. Tag sollte nicht pauschal als Sanktionsinstrument eingesetzt werden. Und schon gar nicht nach dem Prinzip der Sippenhaft.
Für einzelne Beschäftigte mit häufigen Kurz-Erkrankungen kann sie durchaus sinnvoll sein.
Das gilt allerdings nur unter einer wichtigen
Voraussetzung:
Sie muss eingebettet sein in einen Umgang, der von echtem wertschätzendem Interesse am Menschen getragen ist.
Denn die Attestpflicht allein verändert meist noch gar nichts. Entscheidend ist, wie sie eingeführt, begründet und begleitet wird.
In der Praxis kann das zum Beispiel so aussehen (Erfahrungsbericht aus einem Mineralöl-Konzern):
Einzelne Azubis oder andere Beschäftigte mit auffälligen Kurzfehlzeiten müssen nicht nur ab dem ersten Tag ein Attest vorlegen. Zusätzlich werden sie zu einem Gespräch mit der Personalleitung gebeten. Hinzu kommt das übliche Begrüßungs- oder Willkommensgespräch durch Ausbilder, Meister oder Führungskraft.
Damit wird nicht einfach Druck aufgebaut, sondern eine klare Botschaft vermittelt:
„Wir merken, wenn du fehlst. Und es ist uns nicht egal. Du bist uns nicht egal.“
Genau darin liegt der Unterschied.
Wo Menschen erleben, dass auf ihr Fehlen aufmerksam, verbindlich und zugleich respektvoll reagiert wird, entsteht oft mehr Wirkung als durch formale Verschärfungen allein.
Die Attestpflicht kann dann Teil eines klaren Rahmens sein.
Sie ersetzt aber weder Interesse noch Gespräch noch Beziehung.
FAZIT:
Im Positiven Fehlzeiten-Management ist die Attestpflicht kein Standardinstrument für alle, sondern allenfalls eine gezielte Maßnahme im Einzelfall. Entscheidend ist nicht die Strenge der Regel, sondern die Qualität des Umgangs damit. Nicht Misstrauen wirkt, sondern spürbare Aufmerksamkeit, Klarheit und ernst gemeintes Interesse am Menschen.
© Dr. Anne Katrin Matyssek
