Enttäuschung pur: Die BGM-Wirklichkeit

Ein Konzern-Mitarbeiter klagt: "BGM gibt es bei uns nur auf dem Papier". Die BGM-Wirklichkeit - vor allem bei den Außendienst-Mitarbeitern - sieht anders aus.

Enttäuschung pur: Die BGM-Wirklichkeit

Gestern erreichte mich eine eMail von einem ehemaligen Seminar-Teilnehmer (Führungskraft bei einem der größten deutschen Dienstleistungsunternehmen). Darin schildert er eine Situation, die nach meiner Beobachtung leider typisch ist – gerade für deutsche Konzerne.

Die BGM-Wirklichkeit ist anders als die auf dem Papier

Der Mann schrieb:

Liebe Frau Dr. Matyssek,

ich habe Sie 2009 bei Ihrem Seminar erlebt, was mich nachhaltig immer noch beeindruckt und meinen Führungsalltag beeinflusst 🙂 Seitdem bekomme ich auch regelmäßig Ihren Newsletter. Ich finde, dass Sie echte „Pionierarbeit“ in Bezug auf BGM in Deutschland geleistet haben.

Hier musste ich erst einmal strahlen und mich freuen 🙂

Wissen Sie – mich treibt momentan das Thema um, dass ich zunehmend das Gefühl bekomme, dass unsere Firma sich mit dem BGM nur „scheinheilig“ beschäftigt. Ich stelle schon meine Gedanken in Frage, ob ich es bislang falsch verstanden habe…

Ich denke, dass BGM von 3 Parteien gelebt werden muss.

  • Die Führungskraft (wertschätzende Führung),
  • der Mitarbeiter (Eigenverantwortung im Umgang mit eigener Gesundheit) und seitens
  • der Arbeitgeber (Beschäftigungsbedingungen optimieren).

Ich mache mein Job seit 2008 und habe mehr und mehr das Gefühl, dass die Arbeitsbedingungen keinen interessieren. Ich weise jederzeit daraufhin, dass die Mitarbeiter an der Basis nicht wirklich eine Lobby haben und stelle immer wieder fest, dass es keinen interessiert. Wir machen Konzernumstrukturierung,  Mitarbeiterbefragungen, es kommt immer wieder als Ergebnis raus, dass die Arbeitsbelastung (vor allem psychisch) immer höher ist, und Vereinbarkeit Beruf und Familie nicht optimal ist, aber (gefühlt) ändert sich nichts. Bzw. nichts in den wesentlichen Punkten.

Ich dachte, als bei uns Gesundheitsbeauftragte ausgeschrieben war, mich zu bewerben und mehr „Macht“ zu haben, etwas zu verändern, damit die Mitarbeiter zufriedener sind und dadurch motivierter, leistungsfähiger, gesünder… Ich hatte gestern mein Auswahlverfahren und bin regelrecht enttäuscht (um ganz ehrlich zu sein – richtig frustriert). In dem Auswahlverfahren stellte sich heraus, dass es eher um strategische Ebene (Controlling) geht und nicht darum, vor Ort maßgeschneiderte Lösungen zu finden. Na ja, schon wieder ein „Fuzzi“, der mit Zahlen jongliert und mit schönen Analysen und Grafiken beeindruckt, anstatt die Ärmel hochzukrempeln und die Probleme anzupacken und zu lösen. Sicherlich ist es in anderen Bereichen unseres Konzerns anders, bzw. die Büro-Angestellte haben gute Arbeitsbedingungen und Vereinbarkeit Beruf und Familie. Die paar Tausend Mitarbeiter im Außendienst sind vermutlich für das „Große Ganze“ nicht interessant, obwohl sie das „Gesicht“ unseres Unternehmens sind und maßgeblich für die Kundenzufriedenheit zuständig.

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir einen Tipp geben könnten, wie ich damit dauerhaft umgehen soll…. Ich fühle mich wie Don Quijote, der gegen die Windmühlen kämpft. Das einizige, was ich machen kann, ist, dass ich weiterhin ordentlich meine Mitarbeiter führe, mich um sie kümmere und ein offenes Ohr für sie habe.

Was sind Ihre Erfahrungen? Ist es in anderen Firmen auch so? Leben wir in der Welt voller Blender und Egoisten, die nur auf ihre Zahlen schauen, und das Zwischenmenschliche zählt nicht mehr?

Ich kann lernen, die Bedingungen zu akzeptieren und damit zu leben, aber ich werde es vermutlich nie schaffen zu akzeptieren, wenn etwas anderes erzählt wird als was gelebt wird (weil bei uns als BGM Zielsetzung die Verbesserung der Arbeitsbedingungen definiert sind).

Fürs Projekt gelten andere Bedingungen als für die Zentrale

Diese Beobachtung habe ich tatsächlich schon sehr häufig gemacht: Das BGM-Konzept als solches wird in der Zentrale entwickelt. Das sitzen viele Menschen in weißen Hemden am Tisch und überlegen sich ein Programm für die große Masse. Bisweilen holen sie ein paar Mitarbeiter aus dem Betrieb oder der Produktion dazu, was ich sehr begrüßenswert finde. Für dieses Schreibtisch-Konzept gibt es dann häufig irgendwelche Awards, Preise, Urkunden.

Das finde ich grundsätzlich auch nicht schlecht, weil es immerhin bedeutet, dass der Wert der Gesundheit im Unternehmen erkannt wurde und es zeigen möchte, dass es sich kümmert. Und wenn dieses Bemühen belohnt wird, ist das meiner Meinung nach begrüßenswert.

Aber: Letztlich bleibt es häufig bei einem Programm von Menschen am Schreibtisch für Menschen am Schreibtisch – bevorzugt an einem Schreibtisch in der Zentrale (und der Preis wird wiederum von Menschen am Schreibtisch überreicht …). Mitarbeitende im Projekt, draußen vor Ort, beim Kunden, im Dienstwagen, auf der Baustelle etc. werden dadurch nicht erreicht. Und die wundern sich, warum ihr Unternehmen so viele Preise für Gesundheit im Betrieb gewinnt.

Ist das bei Ihnen auch so? Was können Sie tun?

Solche Geschichten wie die oben geschilderte kenne ich zuhauf: Dass Leute berichten, wie groß die Lücke ist, die zwischen der BGM-Theorie und der BGM-Wirklichkeit klafft. Die Klagen kommen häufig von Menschen, die sich besonders stark für das Wohlbefinden am Arbeitsplatz einsetzen. Sie freuen sich zunächst, wenn sie von der Einführung des BGM hören, und sind hoffnungsfroh.

Und kurze Zeit später umso stärker enttäuscht.

Die Gründe für die Kluft zwischen Theorie und Praxis sind unterschiedlich. Gerade in großen Konzernen dauert es einfach, bis das Roll-Out oder wie auch immer man den Prozess nennt, von ganz oben ganz unten angekommen ist. Und jede Hierarchieebene lebt BGM nur so gut weiter, wie sie kann – letztlich sind das alles Menschen, mit allem, was dazu gehört. Trotzdem ist der Prozess „oben“ ja erst einmal gewollt.

Wenn Sie diese Kluft auch erleben, hinterlassen Sie doch einfach unter diesem Beitrag einen Kommentar. Wer weiß, vielleicht können Sie damit jemanden trösten, dem es ähnlich geht. – Und vielleicht haben Sie ja auch Lösungen parat?

Die Lösung?

Die perfekte Lösung zu diesem höchst bekannten Problem habe ich auch nicht. Und ich denke, der Seminar-Teilnehmer hat sie bereits gefunden:

Er kann und sollte in einem ersten Schritt auf sich selbst achtgeben, z.B. dass er sich nicht zu sehr aufregt über diese Defizite im Unternehmen, sondern seine Energie in andere Dinge steckt: Nämlich in sein Team, das er so anständig und „gesund“ wie möglich führt. Das tut ihm, seiner Selbstachtung und seinen Mitarbeitenden gut.

Und wenn er viel Mut hat, sollte er nicht müde werden, seine eigenen Führungskräfte immer wieder daran zu erinnern, dass es ja jetzt das BGM gibt; und dass darin auch steht, dass die Mitarbeitenden wichtig sind (alle! auch die vor Ort, die das Gesicht des Unternehmens darstellen). Und dass man sie stärken müsse, damit sie dem Druck weiterhin gewachsen sind.

Sich auf offizielle Firmenleitbilder zu berufen, kann im Einzelfall schon mal das Gegenüber zur Reflexion anregen.

Aber Wunder erwarten darf man davon auch nicht. Es hängt viel davon ab, wie mutig wiederum dieser Mensch ist, dem man da sein Leid klagt. Wenn der seinerseits eher rückgratlos ist, wird man nicht viel mehr erreichen. Um sich nicht selbst zu verbiegen, könnte der Mann, der die eMail geschickt hat, z.B. im Auswahlprozess zum Gesundheitsbeauftragten sagen: „Wenn Sie wirklich auch meine praktischen Erfahrungen nutzen möchten, bin ich gern dabei – wenn ich nur für Sie Zahlen erfassen solle, ist das nicht meine Sache“.

Immerhin ist er täglich vor Ort und kennt seine Leute und ihre Belastungen. Wenn die BGM-Akteure in seinem Unternehmen diese Erfahrungen für überflüssig halten, lohnt es sich vermutlich nicht, weiterhin Energie in diesen Prozess zu stecken. Dann sollte er „lieber selber glücklich“ werden als seine Hoffnungen an das BGM zu hängen.

Meine Ideen dazu

Und auf BGM-Akteur-Ebene lautet meine Empfehlung ja immer:

  • alle einbeziehen, von Anfang an
  • jeden Schritt auf Umsetzbarkeit auch im Außendienst / Projekt überprüfen
  • auch Angebote speziell für die Projekt-Mitarbeitenden erarbeiten

In meinem Buch BGM voranbringen: Praxistipps finden Sie weitere Ideen und auch Erfahrungsberichte zur BGM-Wirklichkeit.


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Und jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie Lust haben, einen Kommentar zu hinterlassen. Vielleicht haben Sie ja ähnliche (oder genau andere?) Erfahrungen mit der BGM-Wirklichkeit gemacht? Dann wäre es toll, wenn Sie sie hier mit uns teilen.

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