Dicke Trainer

Dicke Trainer als Anleiter von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung? Ob das statthaft ist, wird hinter vorgehaltener Hand heiß diskutiert. Dieser Beitrag versucht - in Anlehnung an das Buch "Was Trainer und Berater verkaufen" eine Antwort, indem er Position bezieht. Weitere Thesen für Trainer finden Sie hier.

Dicke Trainer oder Trainerinnen: Können sie glaubwürdig sein?

„Also nee, geht gar nicht! Das ist geschäftsschädigend. Wie kann man sich so vor Leute stellen?“

Diese Sätze habe ich alle schon gehört (nicht über mich persönlich, mein BMI +/- 26 liegt im sozial akzeptierten Bereich, aber über Kolleginnen – seltsamerweise nie über Männer, die genauso viel auf die Waage bringen).

Mir schießt dann spontan durch den Kopf, dass es diesem Menschen ein bisschen an Respekt und wohl auch an Wertschätzung fehlt, denn auf Gottes weiter Erde leben nun einmal höchst unterschiedliche Wesen. Und ob das Übergewicht die Frau daran hindert, eine gute Leistung abzuliefern (z.B. andere Menschen für einen gesünderen Umgang mit sich selbst oder mit Team-Kollegen zu begeistern), weiß niemand. Dazu muss man sich näher mit ihr beschäftigen.

Außerdem übersieht dieser Mensch (oder hat es wieder vergessen):

Gesundheit ist ein vielgestaltiges Konstrukt

Wie wir alle wissen, umfasst Gesundheit laut WHO weit mehr als nur das Freisein von körperlichen Gebrechen. Es gehören auch Aspekte des psychischen und des sozialen / zwischenmenschlichen Wohlbefindens dazu.

Der dicke Trainer hat vielleicht viele Muskeln; oder er ist sozial gut eingebunden, hat beruflich ein großes Netzwerk und privat viele Freunde – während andererseits ein asketischer marathon-laufender Trainer vielleicht einsam ist und zum Workoholismus neigt.

Wer will da sagen, welcher von beiden der Gesündere ist?

Und vor allem ist damit noch nicht die Frage beantwortet, wer von beiden einen besseren Job macht, also der bessere Trainer ist. Derzeit (Mai 2016) rangiert unter den Top200 der meistverkauften Bücher in Deutschland das Buch von Nicole Jäger (fettloeserin.de): „Die Fettlöserin“. Sie schreibt darin:

Ich kaufte mir also Waagen. Zwei. Denn eine allein, selbst wenn sie bis 250 Kilo ging, zeigte mein Gewicht nicht an. Einen Heulkrampf später stellte ich mich darauf, einen Fuß auf jeder Waage. Es reichte nicht. Also begann ich, Kleinigkeiten zu verändern. Gute acht Monate später gab es endlich eine Zahl. Und was für eine: 315 Kilogramm! Seit diesem Tag habe ich über 160 Kilo abgenommen und bin noch lange nicht am Ziel – und erst recht nicht am Ende.

Die Frau arbeitet nicht nur als Ernährungsberaterin, sondern hat auch ein Bühnenprogramm erstellt. Sie hat vielen Menschen Mut gemacht. Sie ist Trainerin mit Erfahrung – die wird ihr niemand absprechen. Wer 160 kg abgenommen hat, ist wohl glaubwürdig …

Für Seminar-Teilnehmende sind dicke Trainer vielleicht eine Herausforderung:
Daran können sie üben, respektvoll auch mit Menschen umzugehen,
die nicht ihrem Bild vom perfektem Trainer entsprechen. So sehe ich das.

Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Aspekt in diesem Zusammenhang. Und wenn dieser Punkt vom Trainer oder der Trainerin zu wenig beachtet wird, dann wird’s kritisch:

Das Selbstverständnis der Trainerin oder Beraterin: Wie geht sie damit um?

Man kann quasi tun, was man möchte; das gilt auch für dicke Trainer oder Beraterinnen – aber man sollte sich immer dessen bewusst sein, was man mit einem bestimmten Verhalten oder Aussehen bei seinen Kunden und Kundinnen auslöst.

Und dann sollte man diese Reaktionen reflektieren.

Ohne eine solche Reflektion mit lila Haaren bei einem Finanzdienstleister aufzukreuzen, ist geschäftsschädigendes Verhalten, meiner Meinung nach.

Oder mit 80 kg Übergewicht ein Gesundheitsseminar geben zu wollen. Da hat man einen schweren Stand im mehrfachen Sinn. Aber wenn man das kommuniziert und mit den Teilnehmern reflektiert, kann es Vorurteile abbauen, Respekt vergrößern, Sympathie wecken und vieles mehr, was im Sinne des Erfolgs ist.

Ein Zeichen gegen wuchernden Perfektionismus

Es kann konstruktiv sein, gegen den Optimierungswahn vorzugehen, indem man das Signal gibt: „Es ist erlaubt, nicht perfekt zu sein.“  Damit sich Menschen im Umgang mit anderen wohlfühlen, muss eine gewisse Entspanntheit herrschen. Wo Perfektionismus herrscht, klappt das nicht.

Daher gilt auch für Sie: Sie müssen nicht perfekt sein.

Stehen Sie offen zu Ihren Fehlern – trotzdem können Sie ja daran arbeiten – und liefern Sie so ein Vorbild. Damit entspannen Sie sich (unverzichtbar für gelingende Beratung) und Ihre Klientinnen. Sie können nur gewinnen, indem Sie sie kommunizieren.

Beispiel-Sünde: Monatszigarette

Die Raucher (und eben nicht nur ihr Rauchverhalten) haben in vielen Unternehmen ein Schmuddel-Image. Ich habe lange Jahre monatlich eine Zigarette mit Seminar-Teilnehmern geraucht. Das Reflektieren darüber war auch laut Nicht-Rauchern sehr sinnvoll. Übrigens war das von meiner Seite keine „Show“, sondern ich habe mit Freuden einmal pro Monat tief inhaliert, mich auf jede Zigarette gefreut und den valium-ähnlichen Kick sehr genossen. Es war wie früher, als ich noch richtig geraucht habe, wenn ich vom Joggen zurück kam.

Für mich war einfach die Vorstellung fürchterlich, niiiie wieder rauchen zu dürfen. So ein Komplett-Verbot weckt in mir Reaktanz. Und mit 1 pro Monat bestand keine Rückfallgefahr (damit hatte ich natürlich in den Jahren davor auch einige Erfahrungen gesammelt) … Für mich war das jahrelang die perfekte Lösung. Heute verzichte ich auch auf diese Monatszigarette.

Aber dieses Fazit:

Leute, steht zu euren kleinen Sünden. Ihr müsst nicht perfekt sein.

– das gilt für mich noch heute. Diese Botschaft finde ich nicht nur für mich persönlich wichtig. Sondern mir ist auch wichtig, dass Gesundheitstrainer alle 3 Facetten von Gesundheit im Blick haben und einen entspannten Umgang auch mit kleinen „Gesundheitssünden“ bei sich und anderen pflegen. Zu viel Dogmatismus und Strenge im Umgang mit sich selbst wirkt auch wenig genuss- oder gesundheitsförderlich auf die Teilnehmenden.

Aber natürlich sollte man immer bereit sein, an sich zu arbeiten.

Das ist meine Erfahrung. Wie ist Ihre? Schreiben Sie sie doch einfach unten in das Kommentarfeld! Ich freu mich …


Anlass für diesen Beitrag war ein kleines Kapitel aus meinem Buch „Mehr als nur Gesundheit: Was Trainer und Beraterinnen verkaufen„.

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