Focus on the good stuff (3): Kann man Mörder wertschätzen?
Manchmal ist es gar nicht so einfach, Wertschätzung in die Tat umzusetzen. Vielleicht geben Ihnen die Ausschnitte aus dem Buch “Wertschätzung im Betrieb. Impulse für eine gesündere Unternehmenskultur” Anstöße zur Reflexion. 
Focus on the good stuff (3): Kann man Mörder wertschätzen?
Eine positive Haltung dem anderen gegenüber, wie sie beispielsweise in der Humanistischen Psychologie nach Carl Rogers praktiziert wird, zeichnet sich durch bedingungsloses Akzeptieren des Gegenübers aus. Das bedeutet nicht, dass man dessen Meinungen oder Taten bedingungslos gut findet! Es heißt aber, dass man sich dem anderen nicht überlegen fühlt und nicht schlecht von ihm denkt, also möglichst auf (negative) Bewertungen verzichtet. Der andere ist – vielleicht nicht in der Hierarchie, aber als Mensch – gleichrangig. Er strebt genau wie man selber nach Entfaltung des Besten, was in ihm steckt.
Akzeptanz ≠ bedingungslose Zustimmung zu Handlungen
Und falls das Gegenüber aktuell ein aggressives Verhalten an den Tag legt – dann braucht es vielleicht genau von mir etwas Positives, das ihn besänftigt. Offenbar findet er keinen anderen Weg, um seine Bedürfnisse zu artikulieren. Das ist schlimm, und wir werden dieses Verhalten in der Regel negativ bewerten und dem Menschen wünschen, dass er andere Lösungsmöglichkeiten findet. Zugespitzt geht es um die Frage: Kann man einen Mörder wertschätzen? Ihm mit bedingungsloser Akzeptanz begegnen?
Diese Fragen stellte kürzlich eine Seminarteilnehmerin. Die Antwort, die wir gemeinsam fanden, war folgende: Seine Taten werden wir sicher nicht wertschätzen; aber es wäre die Hohe Schule der Wertschätzung, wenn wir es schaffen könnten, ihm als Person offen und empathisch zu begegnen. Ein anderer Teilnehmer schlug vor, sich klarzumachen: Es gab mal eine Mutter, die sich über die Geburt dieses Menschen gefreut hat (so wie Frau Hitler in der Geschichte von Roald Dahl); und irgendwann hatte dieser Mensch in seinem Leben auch schon mal etwas Gutes im Sinn. Ein hoher Anspruch, sicher. Letztlich schlug Jesus dasselbe vor, meinte ein dritter Teilnehmer der Veranstaltung …
Der Alltag im Betrieb stellt einen zum Glück meistens nicht vor so schwierige Aufgaben. Da geht es eher um die Frage, wie man denn dem Dauer-Loser der Abteilung etwas abgewinnen kann oder die vor Selbstüberschätzung strotzende Azubine mögen kann.
Die Empfehlung lautet: Stärken stärken statt Fehler suchen!
Nicht Recht haben wollen um jeden Preis (gilt auch für Kritikgespräche: es ist nicht wichtig, dass ich Recht habe – wichtig ist, dass der andere sein Verhalten ab jetzt ändert), nicht herumreiten auf den Schwächen, sondern das Beste aus dem Kollegen herausholen.
Denkspiel
Ein kleines Denkspiel: Wenn ein Kind ein Zeugnis heimbringt – 9 Einsen und 1 Sechs – worüber reden die Eltern zu 90% der Zeit mit dem Kind?! Natürlich über die Sechs. Wie schade! Es ist (nicht nur) für Kinder schöner, wenn unter einer erbrachten Leistung wie einem Diktat zu lesen ist: „Du hast 2 Worte falsch und 98 Worte richtig geschrieben“. Anerkennung für die 98% der Vorgänge, die gut laufen, beflügelt auch im Betrieb mehr (und ermutigt stärker zur zukünftigen Fehlervermeidung) als das exzessive Auseinandernehmen der Gründe für die 2%, die schief gelaufen sind.
Wenn es Ihnen wirklich Ernst ist mit der Kultivierung Ihres „focus on the good stuff“, denken Sie jetzt mal an einen Menschen, der Sie fürchterlich nervt. Den vielredenden Kollegen, den geizigen Onkel oder die Frau, die im Konzert gestern hinter Ihnen gesessen und sich während der Vorstellung 1000mal geräuspert hat (neulich saß sie hinter mir, ich schwöre). Und jetzt fragen Sie sich, was genau Sie nervt und warum. Und gegen welche Ihrer (unausgesprochenen) Regeln dieser Mensch mit seinem Verhalten oder seiner Eigenschaft verstoßen hat („man muss pünktlich sein“, „wer geizig ist, liebt nicht“, „wer nicht für mich ist, ist gegen mich“).
Sparsamkeit vs. Großzügigkeit – Geiz vs. Verschwendung
Und nun fragen Sie sich mal, wozu diese von Ihnen abgelehnte Verhaltensweise oder Eigenschaft gut sein könnte. Der Kommunikationsexperte Friedemann Schulz von Thun hat in seiner Theorie vom Werte-Quadrat (2005) die Behauptung aufgestellt: Jede Eigenschaft muss sich in Balance zu ihrem Gegenstück befinden, andernfalls kippt sie ins Negative. Zum Beispiel erfordert Sparsamkeit auch ein gewisses Maß an Großzügigkeit, denn sonst kippt sie zum Geiz. Die Großzügigkeit wiederum erfordert ein gewisses Maß an Sparsamkeit, sonst kippt sie zur Verschwendung.
Konfliktbereitschaft braucht Friedfertigkeit, sonst wird sie leicht zur Feindseligkeit; Friedfertigkeit braucht Konfliktbereitschaft, sonst wird sie rasch zur Konfliktvermeidung. Solche Gedankenspielchen empfehlen sich immer dann, wenn man merkt, dass man sich tooootaaal über jemanden aufregt (manchmal hätte man gern ein winzig kleines bisschen von genau jener bösen Eigenschaft, aber pssst!). Das Modell erleichtert Empathie, weil man sich ins Gegenüber hineinversetzt und zugleich seine eigenen Maßstäbe darauf hinterfragt, ob sie sich noch in gesunder Balance zum Gegenstück befinden oder bereits ins negative Extrem gekippt sind.
In den Kapiteln zuvor ging es um die Fragen “Focus on the good stuff – wie geht das?” und “Was verrät die Sprache?”. Außerdem gibt es eine Checkliste “Wie Sie eine salutogene Haltung kultivieren”.
Alle Kapitel sind entnommen aus dem Buch “Wertschätzung im Betrieb. Impulse für eine gesündere Unternehmenskultur” von Anne Katrin Matyssek

