Umgang mit Überlastungsanzeigen
Wie sollte Ihre erste Reaktion sein?
Ganz wichtig für Ihre erste Reaktion: Es ist nicht Bösartigkeit, wenn Überlastungsanzeigen formuliert werden. Bitte vergessen Sie nie: Es steht quasi im Arbeitsvertrag (indirekt), dass der Beschäftigte das Recht und die Pflicht hat, seine Führungskraft darauf aufmerksam zu machen, wenn er sich überlastet fühlt, also seine Arbeit nicht mehr mit der nötigen Sorgfaltspflicht oder im erforderlichen Umfang erledigen kann. Für die Mitarbeiter ist eine Überlastungsanzeige zugleich auch eine Ent-Lastungsanzeige. Man signalisiert damit quasi: Ich bin nicht verantwortlich, wenn jetzt – trotz meines weiteren Bemühens um Einhalten der Sorgfaltspflicht – dem Patienten oder Kunden ein Schaden widerfährt. Der Beschäftigte selber ist also quasi fein raus. Nur Sie als Führungskraft nicht.
Dass man einen Beschäftigten darauf hin nicht anranzen oder irgendwie diskriminieren sollte, ist klar. Die Menschen müssen sich trauen, den Mund aufzumachen (noch bevor es zu einer Überlastungsanzeige kommt). Mut hierfür auszusprechen, wird vielen Führungskräften vielleicht schwer fallen – es wäre aber eine sinnvolle, sachlich-richtige Reaktion. Da aber das Wichtigste ist (meiner Meinung nach), dass Sie sich als Mensch nicht verstellen, sollten Sie ruhig sagen: „Das schockt mich jetzt. Dass es SO krass ist, hätte ich nicht gedacht.“ Machen Sie dem Beschäftigten gegenüber deutlich, dass seine Überlastungsanzeige keine negativen Folgen für ihn haben wird.
Wie können Sie die Situation bewältigen?
Man ist als Führungskraft erst einmal entsetzt. Man fühlt sich an den Pranger gestellt, als hätte man selber etwas verbrochen – dabei fühlt man sich ja selber unter Druck. Und in gewisser Weise setzt eine Überlastungsanzeige die Führungskraft noch einmal zusätzlich unter Druck: Wenn sie nämlich jetzt nicht reagiert, verletzt sie ihre Fürsorgepflicht. Es KANN ein Hinweis auf fehlendes Vertrauen oder mangelhafte Gesprächskultur sein, wenn Mitarbeiter zu diesem Mittel greifen.
Aber es kann auch „einfach“ – vor allem, wenn man vorher schon darüber gesprochen hat – Ausdruck von Hilflosigkeit sein: „Wir können nicht mehr. Es ist zu viel.“ Ein Notruf – nicht nur im Sinne der Gesundheit des einzelnen sondern auch vor dem Hintergrund, Schaden vom gesamten Unternehmen abzuwenden. Das sollte schließlich beides auch im Interesse der Führungskraft sein. Und es macht Sinn, sie als Vorgesetzte/r so zu sehen und nicht als Pranger. Sehen Sie es positiv: Der Mitarbeiter hätte sich theoretisch auch als erstes an die Personalabteilung oder die Berufsgenossenschaft wenden können (das wäre allerdings feige gewesen).
Es ist eigentlich selbstverständlich, aber vor lauter Stress, Anspannung und Entsetzen vergisst man es schon mal: Fragen Sie den Beschäftigten, welche Vorschläge er selber hat, um die Situation zu entspannen. Manchmal wagen die Leute einfach nicht, konstruktive Ideen vorzubringen, manchmal haben sie sich auch in die Jammerhaltung verrannt. Zeigen Sie daher Offenheit! Zeigen Sie, dass Sie um eine Lösung bemüht sind. Dass Sie keine Wunder versprechen können, ist auch klar.
Und wenn Sie wirklich nicht weiter wissen?
Bitte nie vergessen: Genauso wie Sie fürsorgepflichtig sind für Ihre Mitarbeitenden, ist auch Ihre Führungskraft fürsorgepflichtig Ihnen gegenüber! Holen Sie sie hinzu. Ent-Lasten Sie sich, indem Sie die Verantwortung an Ihre Vorgesetzten re-delegieren. Das ist nicht feige, das ist mutig (Sie müssen schließlich auch mit Belächelt-Werden oder Schlimmerem rechnen – in der Regel werden Ihre Leute sich die Überlastung aber nicht ausgedacht haben).
Sinnvoll ist natürlich, den Personalrat / Betriebsrat einzubeziehen, damit alle am selben Strang ziehen (Hinweis an die, die jetzt aufstöhnen: Ja, so eine Zusammenarbeit zum Wohle aller gibt es sehr wohl). Und wer weiß: Wenn Sie alle zusammen mutig (auch nach oben) stehen, vielleicht verbessert sich ja dann auch etwas an IHREN Arbeitsbedingungen …
Literaturtipp:
A.K. Matyssek (2011). Wertschätzung im Betrieb. Impusle für eine gesündere Unternehmenskultur.

