6. Belastungen puffern
Belastungen puffern
(Ergänzung zum Gesund-Führen-Podcast, Folge 17)
Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert: Körperliche Belastungen haben abgenommen, psychische hingegen – incl. psychischer Erkrankungen – haben zugenommen bzw. sind noch weiter auf dem Vormarsch.
Das Team dauerhaft vor Überlastung bewahren – (wie) geht das?
Gute Führungskräfte – und falls Sie Artikel lesen und Führungskraft sind, gehören Sie ganz sicher dazu – haben das Bedürfnis, ihr Team vor Überlastung zu schützen. Und sie fühlen sich hilflos, wenn sie feststellen, dass ihnen diesbezüglich die Hände gebunden sind. Es ist nur in den seltensten Fällen möglich, das Belastungslevel für alle Beschäftigten über einen längeren Zeitraum zu senken. Schließlich haben die Führungskräfte ja ihrerseits eigene Zielvorgaben, die sie einhalten müssen.
Das gesamte Team entlasten – das geht in der Regel nur, indem Sie als Führungskraft mitarbeiten; das geht auf Dauer aber womöglich auf Ihre Gesundheit. Oder – der Weg für Mutige – indem Sie Ihrer Führungskraft gegenüber signalisieren: „Meine Leute können nicht mehr. Die sind am Limit.“ Das kann bedeuten, neue Aufgaben oder eine schnellere Taktung nicht zu akzeptieren. Wenn Ihr Vorgesetzter es bös mit Ihnen meint, riskieren Sie damit, dass er Sie in die Arbeitsverweigerungsecke abtut. Deshalb sage ich: Es kostet Mut. Aber die heutige Arbeitswelt braucht genau solche: MUTIGE Führungskräfte.
Hilft gegen Hilflosigkeit: Soziale Unterstützung
Angenommen, es handelt sich um einen einzelnen Beschäftigten, bei dem Sie (siehe Gesund-Führen-Podcast Nr. 005) Überlastungssymptome entdeckt haben und Sie angesprochen haben (Gesund-Führen-Podcast Nr. 006). Dann gilt: Sie können höchstens einmal einen einzelnen Mitarbeiter, der vielleicht gerade von seiner Frau verlassen wurde oder dessen Mutter erkrankt ist, vorübergehend entlasten. Aber auch das immer nur für eine gewisse Zeit und so lange die anderen im Team es mittragen. Denn sonst pfeifen die anderen, die seine Arbeit mitmachen, ja bald aus dem letzten Loch, sprich: sind ebenfalls überlastet.
In solchen Situationen, das erlebe ich immer wieder, fühlen Führungskräfte sich oft hilflos. Sie sagen „ich kann ja nichts machen“. Womöglich zweifeln sie an sich selber, machen sich Vorwürfe (dass sie nicht mutig genug sind – was ja durchaus menschlich ist). Jedenfalls empfinden sie sich, als wären ihnen die Hände gebunden und sie müssten hilflos zusehen, wie ihr Team in die Erschöpfung tapert. Das stimmt so nicht. Mir ist ganz wichtig zu sagen:
Selbst wenn Sie auf der Stressoren-Seite nicht ansetzen können (also die Belastungen nicht reduzieren können), können Sie dennoch immer (!!!) auf der Ressourcen-Seite ansetzen.
Das heißt, Sie können den Mitarbeiter (und das ganze Team) stärken, indem Sie zum Beispiel artikulieren: „Ich weiß, das sind gerade harte Zeiten, die Sie durchmachen. Glauben Sie mir, ich sehe das und rechne Ihnen das hoch an, wie Sie sich hier trotzdem reinhängen.“ Oder: „Zum Glück ist dieser Stress in 2 Monaten vorbei!“ (nur wenn’s stimmt!). Die zeitliche Befristung von schwierigen Zeiten lässt Menschen stabiler durchs Leben gehen, als wenn sie denken: Das Elend dauert ewig. DAS macht hilflos und krank. Oder: „Erzählen Sie mir mal, was genau das ist, was Sie gerade stresst. Sie wissen, ich kann nicht viel tun, aber vielleicht tut’s ja gut, wenn Sie es sich mal von der Seele reden können.“
Das nennt sich soziale Unterstützung: ansprechbar sein, den Rücken stärken, auch mal einen Fehler erlauben (und vielleicht sogar selber mal einen zugeben?). Und dazu gehört auch: zustimmen, dass es gerade heftige Zeiten sind. Anlächeln. Mut machen. Gerade in diesen Zeiten an gemeinsame Erfolge der Vergangenheit erinnern. Ausdrücken: Wir schaffen das, wir können uns nicht die Arbeit abnehmen, aber wir sind für einander da. Und wir wissen, dass die Belastungen vorhanden sind, wir leugnen sie nicht. Das ist auch Ausdruck von Respekt.
Soziale Unterstützung ist ein Gesundheitsfaktor
Man weiß: Soziale Unterstützung schützt die Gesundheit. Sie wirkt wie ein Belastungspuffer: Die Belastungen sind noch da, aber eben nicht mehr ganz so schlimm. Das Belastungsempfinden ist geringer. Und das ist, was zählt. Nicht was objektiv da ist (das muss man nach Möglichkeit natürlich versuchen zu reduzieren), sondern was subjektiv empfunden wird. Diese subjektive Bewertung, die können Sie als Führungskraft ein Stückchen mit beeinflussen. Paradoxerweise eben nicht, indem Sie die Belastungen klein reden, sondern im Gegenteil indem Sie ihre Existenz bestätigen.
Insbesondere die Auftretenshäufigkeit psychosomatischer Erkrankungen ist nachweislich (Studie der BKK) geringer, wenn Menschen sich durch ihre zwischenmenschliche Umgebung sozial unterstützt fühlen. Falls Sie das Thema interessiert, empfehle ich Ihnen die kostenlose Broschüre der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bzw. von INQA: „Mitarbeiterorientiertes Führen und soziale Unterstützung am Arbeitsplatz“. Lesenswert und gut strukturiert!
Literaturtipp:
A.K. Matyssek (2011): Wertschätzung im Betrieb. Impulse für eine gesündere Unternehmenskultur.
